Zyklus - Mut
Unscharf denken, scharf fühlen - Wenn die Welt stillsteht, spricht das Innere lauter.
Was passiert, wenn man die Kontrolle loslässt und der Fantasie den Raum gibt, den sie verdient?
Rückblickend wirkte die Pandemie wie ein White Rommé – ein leerer Spieltisch, auf dem alle Karten neu gemischt wurden. Keine Regeln, keine vertrauten Muster. Eine Leerstelle, die gefüllt werden wollte – mit neuen Gedanken, anderen Blickwinkeln, ungewohnten Wegen.
Es war ein Wendepunkt – still, tief, fordernd. Ich war gerade in eine neue Stadt gezogen, ohne Kontakte, alles stand auf Anfang. Doch dieser Anfang war nicht möglich. Was also tun, wenn das Leben plötzlich auf Pause steht?
Ich begann, meine Gedanken ernst zu nehmen – auch die abstrakten und die flüchtigen. Ich ließ sie zu, ließ sie wachsen, weiterdenken. Und plötzlich tauchten Bilder auf, die ich nicht suchte, sondern fand – draußen in der Natur: in Totholz, auf Wiesen, zwischen Feldern, im Rheinland, in Albanien, Spanien, Portugal, in der Eifel. Die Kamera wurde zum Begleiter, war dabei kein Werkzeug der Kontrolle, sondern ein Resonanzkörper meiner inneren Schwingung. Ich wählte die Einstellungen vor dem Belichten nicht nach Technik, sondern nach Gefühl – aus dem Moment heraus, aus meiner Stimmung, die innere Schwingung stellte die Technik so ein. Die Motive suchte ich nicht. Sie tauchten auf, wenn ich bereit war, sie zu sehen – wie innere Bilder, die sich plötzlich im Außen zeigten. Nie ging ich vor die Türe mit dem Entschluss ein spezielles Bild zu erstellen, immer kam ich mit einigen neuen Motiven zurück, meist zu dem Thema das ich fotografierte, manchmal aber mit einer ganz anderen Bildstrecke.
In dieser Leere lag eine unerwartete Freiheit – unbequem und ungewohnt, aber auch voller Potenzial. Wenn das Außen stillsteht, beginnt das Innen zu sprechen. Und genau dort, in diesem Zwischenraum, wuchs über drei Jahre eine Bildstrecke heran – getragen von Intuition, umgesetzt mit digitaler Mehrfachbelichtung, ohne nachträgliche Manipulation, nur mit Licht, Struktur und der digitalen Dunkelkammer.
Es waren Bilder, die schreien oder flüstern, manchmal unverständlich, manchmal erschreckend klar. Herzen, Blüten, Schatten, Holz – stille Zeichen einer inneren Reise. Und immer wieder das Gefühl, etwas zu greifen, das nicht ausgesprochen, sondern gesehen werden will.
Zwischendurch gab es Ausbrüche, andere Themen, ähnliche Techniken. Für mich war es ein kreativer Neuanfang – wie früheren Projekten in der Skate- und Snowboardfotografie: frei im Denken, frei im Schaffen.
Kreativität braucht keinen Anlass, nur einen offenen Blick. Nicht alles muss verstanden werden – manches will einfach nur gesehen sein.
Vielleicht probieren Sie es auch mal: Weggedanken fotografieren.
Nur Mut.
Die hier gezeigten Aufnahmen zeigen nur einen kleinen Bruchteil der Motive, die in der Zeit von März 2019 bis etwa Mai 2022 entstanden sind.
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